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Euro-Geiers Sturzflug
Datum: 02.05.2000
Typ des Textes: Artikel
Aus: Junge Welt
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Allmählich werden auch diejenigen unruhig, die für das Gesundbeten ein Millionensalär beziehen. Der Chef der europäischen Zentralbank, Wim Duisenburg, zeigt sich »ernsthaft besorgt« ob des Tiefflugs der europäischen Kunstwährung »Euro«. Wobei er natürlich das Ganze für eine eher irrationale Angelegenheit hält, da »der Markt« die »fundamental guten Konjunkturdaten Europas« nicht zur Kenntnis nähme. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, rechnet bereits damit, daß die »europäische Währung unter die Marke von 0,90 Dollar fällt.« Der Chef der »Fünf Weisen«, Professor Juergen B. Donges, hält den Euro für »immun gegen gute Wirtschaftsnachrichten«. Hübsch formuliert, Herr Professor! Gut prognostiziert, Herr Chefvolkswirt! Telegen die Stirn gerunzelt, Herr Zentralbank- Chef!

Doch vor Tische las es sich anders. Alle haben sie den Euro in den blauen Himmel und zu den Sternen der EU-Fahne hochgeredet. Die neue EU-Währung werde »so hart wie die DM«. Davon waren alle, die hier zitiert wurden, überzeugt. Die Europäische Zentralbank ging sogar davon aus, daß die neue Währung im Vergleich zum US-Dollar noch an Gewicht zulegen würde. Jeder aus dem regierungsoffiziellen (CDU/FDP) und offiziell-oppositionellen (SPD/Grüne) Betrieb von Politik und Wirtschaftswissenschaften hatte das Unternehmen Euro unterstützt.

Schlimmer als vorhergesagt

Jetzt, 16 Monate nach seiner offiziellen Einführung, hat der Euro mehr als ein Fünftel seines Wertes verloren. Gemessen an den im Herbst 1998 bereits in Form eines »Probe-Euro« aneinandergeketteten EU-Währungen liegt der Verfall bereits bei knapp 30 Prozent. Das Euro-Debakel ist damit schlimmer, als es von den schärfsten Euro-Kritikern vorhergesagt wurde.

Bescheiden sei hier angefügt, daß ich - u. a. in der jungen Welt - ein Desaster für den Euro als wahrscheinliche Entwicklung prognostiziert habe. Inzwischen sind auch diejenigen leiser geworden, die bisher den Euro-Verfall gesund redeten, indem sie darauf verwiesen, daß dieser ja »die deutsche Exportwirtschaft stärken« würde. Dazu äußerte sich nun Professor Donges in der »Welt am Sonntag« vom 23. April: »Das ist eine Milchmädchenrechnung. Zwar werden deutsche Produkte kurzfristig preislich wettbewerbsfähiger. Aber auf Dauer wird der Vorteil dadurch wieder zunichte gemacht, daß importierte Vorleistungen wegen der Abwertung teurer werden. Außerdem erhöht sich die Inflationsrate.«

Auch überzeugen die Gründe, die für das aktuelle Sinken des Euro angegeben werden, nicht. Die politischen Unsicherheiten in Österreich und Italien, also Haiders Aufstieg und D'Alemas Abstieg, seien für das Euro-Desaster verantwortlich. Das ist ähnlich überzeugend wie der Verweis, für den starken Dollar sei ein gutes republikanisches Vorwahlergebnis in South Carolina verantwortlich. Die Ökonomien Italiens und Österreich befinden sich im Wirtschaftsaufschwung. Aber auch wenn hier die Politik die Ökonomie überschatten sollte, so müßte das Gewicht der guten Wirtschaftsdaten in der BRD, in Frankreich und in den Benelux-Staaten, die zusammen gut 70 Prozent von »Euroland« ausmachen, die politischen Unsicherheiten, die es aus Sicht des Kapitals in Österreich und Italien gibt, mehr als ausgleichen.


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