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Börse mit Achterbahn
Datum: 07.04.2000
Typ des Textes: Artikel
Aus: Junge Welt
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Die »Financial Times« stellte an ihre Leserinnen und Leser die rhetorische Frage: »Wie tief können die Aktien in Amerika, vor allem die an der Nasdaq noch fallen? Gemessen an der Bewertung sicher noch besorgniserregend tief.« Doch im Anschluß waren gleich Beruhigungen zu hören, die an Tucholskys Aussage erinnerten, wonach wir von der Weltwirtschaft wissen, »daß sie verflochten ist«.

Zweierlei wurde angeführt: »An der Börse gibt es oft so etwas wie eine 50-Prozent-Regel, wonach jede rasante Kursveränderung um 50 Prozent zurechtgerückt wird.« Weiterhin gebe es »so etwas wie 200-Tage-Linien, die sich oft als guter Widerstand nach unten erweisen.« Aber was ist das schon - ein Auffangnetz, das nur »oft« existiert, und zwei Schutzmechanismen mit dem Attribut »so etwas wie«. Im übrigen heißt es im selben Artikel: »Jeder hat das Spiel mitgemacht ... Das konnte nicht gutgehen.«

Spätestens hier ist klar: Bei einem »Spiel« gibt es keine Sicherheit, daß das Ergebnis nicht auch der komplette Verlust, die Pleite sein könnte. Im Fall des Börsenspiels wäre das ein Börsenkrach. Halten wir uns also nicht mit eher lächerlichen »So-etwas-wie«-Regeln an der Börse auf. Besinnen wir uns auf die folgenden fünf handfesten Fakten.

Erstens. Die Finanzwerte von Top-Unternehmen, die an der Börse gehandelt werden, haben völlig abgehoben von der materiellen Produktion, von dem, was in ihnen Beschäftigte erarbeiten bzw. was aus ihnen an Mehrwert herauszuholen ist. Bill Gates' Unternehmen Microsoft liegt weltweit auf Platz 1 bei der Börsenkapitalisierung (Wert der Aktien zu aktuellen Kursen); 1998 war das Unternehmen 413 Milliarden US- Dollar »wert«. General Motors hingegen lag im selben Jahr nur auf Platz 98 dieser Welthitliste. Dabei liegt der Umsatz von General Motors sechsmal höher als der von Microsoft.

Beim Vergleich mit der Beschäftigtenzahl ist das Verhältnis noch krasser. Seit 1998 hat sich die Spanne zwischen Börsenkapitalisierung für diesen Vergleich - aber auch für einen Vergleich mit DaimlerChrysler - nochmals vergrößert. Diese sich ständig erweiternde Kluft ist extrem gefährlich. Sie wird sich irgendwann gewaltsam schließen. Und je größer die Kluft wird, desto größer wird dieser Krach.

Zweitens. Die Börsen der »neuen Ökonomie« wie die Nasdaq in den USA, an denen überwiegend die Aktien von Hightech-Unternehmen (z.B. Internet-Firmen) gehandelt werden, sind von einer weit größeren Kluft gekennzeichnet. Hier treibt das spekulative Fieber die größten Blüten. So schreibt ein großer Teil der Internet-Firmen, die in den vergangenen zwölf Monaten an die Börse gingen, rote Zahlen - dennoch schossen ihre Kurse raketengleich nach oben. Doch diese Wechsel auf eine rosige Zukunft können nicht aufgehen - zumindest nicht für die Mehrzahl dieser Titel. Weswegen sich das jüngste Börsenbeben am heftigsten an diesen »neuen Märkten« abzeichnete.

Drittens. Die Weltwirtschaft weist zwar weiterhin relativ hohe Wachstumsraten auf. Auch konnten die Dellen, die die Asien-Krise 1997/98 geschlagen hat, zu einem größeren Teil wieder ausgeglichen werden. Andererseits befinden wir uns am Ende eines außergewöhnlich langen internationalen Zyklus, der Anfang der neunziger Jahre einsetzte. Gründe für die lange Dauer dieses Zyklus sind vorhanden: In den USA stellte das »Jobwunder« eine Senkung der Löhne und damit eine Erhöhung der Profitrate dar; in der EU brachte die Euro- Abwertung eine erhebliche Verbesserung der EU-Exporte in den Dollar-Raum (z. B. nach Asien) mit sich. Vor allem aber wirkt die ständig ausgeweitete Spekulationsblase als Stimulus für eine weitere Wirtschaftsexpansion. Doch am Ende jedes Zyklus stand bisher noch immer eine Rezession oder gar eine Krise.

Viertens. Im zweitgrößten kapitalistischen Wirtschaftszentrum, in Japan, gab es keinen »langen Boom«. Diese Ökonomie erlebt seit 1993 eine Phase der Stagnation - obwohl kreditfinanzierte Konjunkturprogramme im Wert von mehreren hundert Milliarden Mark in die Ökonomie gepumpt wurden und obwohl der Diskont-Zinssatz sich seit Jahren auf der Nullprozent-Marke bewegt. Die neue politische Krise durch den krankheitsbedingten Wechsel des Premiers droht diese ökonomische Misere neu zu akzentuieren. Es ist das erste Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs, daß ein großes kapitalistisches Zentrum sich aus einem weltweiten zyklischen Aufschwung komplett in die Stagnation »verabschiedet«.

Fünftens. Seit Monaten ist festzustellen, daß die Nationalbanken - die FED in den USA und die Europäische Zentralbank (EZB) - mit einer kontinuierlichen Erhöhung der Zinsen auf ein Ende des Zyklus vorbreiten. Daß es dabei zu einer »weichen Landung« kommen würde, wie dies FED-Chef Greenspan erhofft, war schon immer der Wunsch kapitalistischer Wirtschaftsplanung. Doch immer wieder erwies sich, daß eben alles ein »großes Spiel« mit ungewissem Ausgang ist.

Wie gefährlich aufgebläht die Finanzblase an den Börsen ist, zeigte die Reaktion auf den Richterspruch über Bill Gates wegen dessen Monopol-Strategien. Am 4. April, dem Tag des Urteils, brach der Microsoft-Kurs um 15 Prozent ein. Seit dem 23. März gab es gar einen Rückgang um 22 Prozent. Damit liegen die Verluste bei der Börsenkapitalisierung von Microsoft fast doppelt so hoch wie der gesamte Börsenwert von General Motors - ein brandgefährliches Verhältnis. Schon reden Experten ernsthaft von einem drohenden Fall des Unternehmens Microsoft ins Bodenlose. So nah liegen Gewinn und Verlust im Börsenspiel.

Microsoft, das neuerliche Beben an den Börsen und der beschriebene materielle Hintergrund der kapitalistischen Konjunktur besagen aber auch: Die Gefahren eines Börsenkrachs in Verbindung mit einer weltweiten Wirtschaftskrise haben sich enorm vergrößert.


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