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Das neue Preissystem PEP der Bahn
Datum: 20.11.2002
Typ des Textes: Presseerklärung
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Das neue Preissystem PEP der Bahn:
12 Gründe, weshalb Fahrgäste künftig der Bahn den Rücken kehren, lieber Auto fahren oder in die Luft gehen

1.Noch weniger Transparenz! Das neue Preissystem bietet noch weit weniger Transparenz als das bisherige. Statt des bisher festen Kilometerpreises (mit Zuschlägen) gibt es nunmehr für jede denkbare Verbindung einen, zwei oder drei „Normalpreise“ und damit Millionen Einzelpreise. Verbindungen über gleiche Entfernungen können massiv differieren. Warum das so ist, kann die Kundschaft nicht nachvollziehen.

2.Weniger Flexibilität! Mit dem neuen Preissystem wird der entscheidende Systemvorteil der Bahn zerstört: die (relative) Flexibilität. Der BahnCard-Inhaber, der spontan – von heute auf morgen oder von Stunde auf Stunde - fahren will, zahlt meist erheblich mehr als bisher. Mit Stolz warb die Bahn früher mit einem Plakat, das ein verliebtes Pärchen am Bahnhof zeigte; dazu die Aufschrift: „Eigentlich wollte sie den IC um 10.47h, um 11.47h, um 12.47 nehmen.“ Das war echt mit Pep – und ist heute in Widerspruch zu PEP.

3.Weniger Alltagstauglichkeit! Das neue Bahnpreissystem orientiert darauf, daß der Fahrgast, der preiswert (oder nicht allzu teuer) Bahnfahren will, drei oder sieben Tage im voraus „zuggenau“ bucht: Für Hin- und Rückfahrt muß vorab exakt der Zug der Wahl gebucht werden. Beim 7-Tages-Vorabbuchungs-Rabatt muß sogar ein Wochenende zwischen Hin- und Rückfahrt liegen. Eine solche starre Planung widerspricht dem Mobilitätsalltag eines Bahnfahrenden. Die Praxis von 2 Milliarden Bahnfahrten pro Jahr kann nicht gleichgesetzt werden mit der Praxis von 17 Millionen Inlandsflügen pro Jahr!

4.Keine Garantie auf Vorbucher-Rabatte! PEP wirbt mit dem Spruch: „Wer früher plant, spart mehr!“. Das ist unwahr! Bei den „Frühbucherrabatten“ handelt es sich nur um „Angebote, solange Vorrat reicht“. Wer seine Bahnreise vorab exakt plant und dann buchen will, wird vielfach am Schalter oder per Internet erfahren, daß „alles ausgebucht“ ist und er nur zum „Normalpreis“, also sehr teuer, Bahn fahren kann. Bereits Mitte November 2002 muß die Bahn eingestehen: Für wichtige Bahnverbindungen zur Weihnachtszeit gibt es keine Frühbucher-Rabatt-Preise mehr!

5.Im Zug stehen – trotz Tickets mit Zugbindung! Wer ein günstiges PEP-Ticket erworben hat, hat damit – anders als im Flugzeug – keinen Anspruch auf einen Sitzplatz. Er darf nur mitfahren – und gegebenenfalls im Zug stehen. Jeder Bahnkunde wird sich in einem solchen Fall fragen: Warum habe ich eine Buchung in einem Zug mit kontingentierten Plätzen für Vorbucher, wenn ich dann doch keinen Sitzplatz bekomme?

6.Wucherpreise bei Benutzung eines anderen Zuges! Die Nichteinhaltung der „zuggenauen“ Vorbuchung wird tagtäglich bei Zehntausenden Bahnkunden aus naheliegenden Gründen (Unpässlichkeit, Terminänderung, Bus oder Pkw im Stau stehen geblieben) die Praxis sein – und dann zu immensem Ärger führen. Zunächst wird in einem solchen Fall zu klären sein, ob der Fahrgast oder andere – eventuell auch die Bahn – verantwortlich dafür sind, wenn der gebuchte Zug nicht erreicht wird. Ist aus Sicht der Bahn dafür der Fahrgast verantwortlich, dann, so formuliert es die PEP-Werbung, hat „er die Möglichkeit, eine Plan&Spar-Zusatzkarte; zum Preis von 45 Euro zuzüglich der Differenz zum Normalpreis zu erwerben, was gerade bei hohem Fahrkartenwert zusätzliche Sicherheit gibt.“ Die bürokratische Sprachregelung verhüllt, anstatt zu beschreiben. Tatsächlich zahlt der Fahrgast dann erstens den wesentlich höheren Normalpreis (wobei die Kosten der Plan& Sparfahrkarte angerechnet werden) und zweitens eine Stornogebühr von 45 Euro.

7.Entwertung der BahnCard! Bisher bot die BahnCard 50 Prozent Rabatt. Die neue – preiswertere – BahnCard bringt nur noch 25 Prozent Rabatt. Das ist bereits psychologisch eine Verschlechterung: Während eine BahnCard mit einer Halbierung des Preises als „Generalschlüssel“ für Bahnfahren wirken kann, wirkt eine 25-Prozent-Karte eher wie ein Schnäppchenjäger-Ticket. Die PEP-BahnCard bringt jedoch vor allem finanziell eine Verschlechterung: Ein „Spontanfahrer“, der mit der aktuellen BahnCard einen Fahrpreis von 100 Euro auf 50 Euro reduzieren konnte, kann diesen mit der BahnCard (neu) nur auf 75 Euro verbilligen. Er zahlt damit 50 Prozent mehr als bisher. Bereits nach rund drei durchschnittlichen Fahrten pro Jahr, erweist sich die BahnCard (alt), die 140 Euro (bzw. 70 Euro für Partner, Jugendliche und Senioren) kostet, als preislich weit günstiger als die BahnCard (neu) für 60 Euro. Da das Bahnmanagement dies weiß, wirbt die Bahn derzeit für die alte BahnCard mit den Worten: „Wir empfehlen Ihnen, jetzt Ihre BahnCard zu kaufen, denn Sie erhalten sofort für die gesamte Laufzeit 50 % Ermäßigung auf den Normalpreis. Diese BahnCard können Sie bis zum 14.12.2002 kaufen.“ Doch ab 15. Dezember 2002 gibt es keine BahnCard mit 50 Prozent Rabatt und ab 14. Dezember 2003 haben nur noch BahnCards mit 25% Rabatt Geltung!

8.Besondere Entwertung der BahnCard für Senioren! Die Bahn behauptet, das „neue“ Preissystem ist „besonders für Senioren attraktiv“. Das ist unwahr. Bisher kostete die BahnCard für Senioren (und Junioren und Lebenspartner) nur 70 Euro. Sie bot 50 Prozent Rabatt. Die neue BahnCard kostet für alle gleich – auch Senioren zahlen 60 Euro, bekommen jedoch nur noch 25 Prozent Rabatt. Die 10 Euro Mehrausgaben für eine BahnCard alt brachten damit Seniorinnen und Senioren wesentlich größere finanzielle Vorteile.

9.Mit PEP wird der preiswerte Interregio abgeschafft! Die preiswerteste – und immer noch populäre - Zuggattung ist der InterRegio. Diese wird mit PEP-Einführung (bis auf wenige Verbindungen) abgeschafft. Wer bisher Interregio fuhr, muß nun IC oder ICE fahren – und entsprechend höhere Fahrpreise bezahlen. Teilweise werden dabei bisherige IR einfach außen umlackiert. Oft sind die IC, die statt der IR verkehren, nicht schneller, manchmal sogar langsamer. Die Bahn läßt in ihrer PEP-Werbung kein Wort verlautbaren zu diesem Abbau - auch nicht dazu, daß damit erhebliche Preissteigerungen verbunden sind! Das im PEP-Werbematerial vielfach erwähnte Beispiel für eine Zugfahrt Gelsenkirchen-Koblenz ist hier typisch. Die Bahn vergleicht dabei den heutigen IC-Preis mit demjenigen ab dem 15.12., obgleich auf dieser Verbindung heute werktäglich nur 2 IC, aber 15 IR verkehren – und dabei die IR sogar schneller als die IC sind.

10.PEP bringt günstigere Bahnpreise nur bei hohen Entfernungen! Nach offiziellen Angaben zu PEP sinken die „Normalpreise“ im Fernverkehr ab 180 km Entfernung. Tatsächlich bewegt sich jedoch die große Mehrzahl der Bahnreisenden im darunter liegenden Entfernungsbereich. Dort steigen jedoch die Normalpreise teilweise oder die negativen Folgen durch Streichung der Interregios und Entwertung der BahnCard fallen besonders ins Gewicht. Der VCD Baden-Württemberg legte eine exemplarische Vergleichsrechnung für dutzende typische Verbindungen im Südwest-Flächenstaat vor und bilanzierte: „Unsere Berechnungen zeigen, daß das neue Preissystem... Bahnfahren... teurer macht.“ Das neue Bahnpreissystem zielt auf nicht bahntypische Entfernungen!

11.Das neue Bahnpreissystem zerreißt die Einheit von Nah- und Fernverkehr; es ist nicht kompatibel mit den Tarifen von anderen (privaten) Bahnbetreibern! Bisher ist das Bahnpreissystem noch weitgehend einheitlich zwischen Nahverkehr (DB Regio) und Fernverkehr (DB Reise&Touristik;). Die angekündigten Rabatte gelten jedoch – außer der BahnCard – nur, wenn zumindest auf Teilstrecken Fernverkehrszüge genutzt werden. Dies schafft erhebliche Ungereimtheiten und fragliche Konkurrenz. Die Fahrkarte Berlin-Stralsund kostet heute im Regionalverkehr hin und zurück 61,50 Euro. Im Fernverkehr liegt der zukünftige Preis mit 73,20 Euro zwar höher, doch er kann mit den verschiedenen Rabattsätzen auf 44 Euro (noch ohne BahnCard) gesenkt werden, was im Nahverkehr nicht geht. Die günstigen Gruppenrabatte gelten – anders als im Fall der Familien-Regelungen – bei Nutzung von Zügen des Fernverkehrverkehrs, nicht jedoch, wenn allein mit Nahverkehrszügen gefahren wird.. Damit konkurrieren diese Fernverkehrsrabatte an Wochenenden mit dem „Schöne-Wochenende-Ticket“ des Nahverkehrs.

12. PEP wird begleitet von einem allgemeinen Abbau von Kapazitäten und Service! Die Bahn wirbt für PEP meist mit dem Slogan: „Bald wird Bahnfahren für Millionen Menschen so attraktiv wie nie zuvor.“ Tatsächlich wird Bahnfahren mit PEP für eine weit größere Zahl von Fahrgästen teurer, risikohafter und schwerer verständlich. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bahn verabschiedet sich für immer mehr Menschen überhaupt bei der Frage, wie diese ihre Mobilität organisieren sollen. Allein seit 1990 wurde die Länge des Gleisnetzes um 7000 km (von 42.000 auf 35.000 km) reduziert. Hunderte Bahnhöfe wurden geschlossen; die Schalterzeiten ständig reduziert. Große Städte (wie Magdeburg, Konstanz, Friedrichshafen, Rostock) wurden ganz oder weitgehend vom Fernverkehr abgehängt. Dieser Abbau von Attraktivität wird mit der Einführung des neuen Preissystems noch beschleunigt. Geplant ist, bis 2005 die derzeit noch existierenden „Reisezentren“ beziehungsweise Fahrkartenausgaben von 750 auf 443 und das dort beschäftigte Bahnpersonal von 4500 auf 2700 zu reduzieren – jeweils um 40 Prozent! Die Zahl der Reisebüros mit Fahrkartenverkauf der DB AG soll von derzeit 3700 auf 800 – oder um 78 Prozent – verringert werden. Insgesamt will die Bahn die Zahl ihrer Beschäftigten um weitere 40.000 abbauen. In immer mehr Fernverkehrszügen – auch im neuen ICE - verschwindet das Bordrestaurant. Bahnintern gibt es Überlegungen, daß zukünftig Mitarbeiter den Fahrkartenverkauf „in eigener Regie nach einem Franchise-Konzept weiterführen“. Die Ich-AG auf Schienen - in Verbindung mit einem Hamburger-Verkauf?

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde eine Glosse zu PEP mit den Sätzen abgerundet: „Die Bahn kann (mit PEP) nur gewinnen. Ohne Kunden muß sie nicht fahren, und wer nicht fährt, macht keinen Verlust. Züge, die nicht fahren, kommen nie zu spät. Über den Gleisen wächst Gras. Übrigens, die Mehdorn-Gedächtnis-Bahnhöfe stehen künftig als Museum zur Besichtigung frei. Bitte rechtzeitig buchen!“ Soweit ist es noch nicht. Doch bereits jetzt macht sich die Bahn, deren Imagewerte bereits in den letzten Jahren ins Bodenlose absanken, mit PEP zum Gespött. Partielle Zustimmung in Medien und bei Verbänden gibt es nur, weil die Bahn eine immens teure Anzeigenkampagne schaltet und so Meinung kauft.
Wir wollen jedoch eine Bahn, die in der Praxis – durch Angebot und Service - Markt und Kundschaft überzeugt.

Expertengruppe
Bürgerbahn statt Börsenbahn


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