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Bürger- oder Börsenbahn - Rezension junge welt
Datum: 26.06.2002
Typ des Textes: Artikel
Aus: junge welt, 26.6.2002
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Börsen- oder Bürgerbahn?

Berlin: PDS-Abgeordneter Winfried Wolf las
Bahnchef Mehdorn die Leviten

»Die sieben Todsünden des Herrn M.« - Wer unter einem
solchen Motto zur Pressekonferenz einlädt, muß eigentlich
etwas zutiefst Christliches mitzuteilen haben. Umso
erstaunlicher, daß es der PDS-Bundestagsabgeordnete und
bekennende Marxist Winfried Wolf war, der am Dienstag »fünf
vor zwölf« in die Dachterrassen des Bahnhofs Zoologischer
Garten in Berlin einlud. Der Ort war nicht zufällig gewählt.
Schließlich ist der ominöse Herr M. kein Geringerer als Bahnchef
Hartmut Mehdorn, dem Wolf in Abwesenheit sein
Sündenregister vorhielt. Wenn der Interesse hat, kann er es
auch nachlesen. Schließlich sind die »Todsünden« jetzt als
Broschüre erhältlich.

Klar, daß die biblischen Metaphern in diesem Werk ein bißchen
holperten. »Du sollst nicht verdorren lassen die Äste und
Zweige vom Baume des Lebens«, hieß beispielsweise die
zweite Todsünde. Doch die Grundaussage war schnell klar.
Mehdorns Ziel ist es, die Bahn an der Börse rentabel und eben
nicht für die Kunden so angenehm wie möglich zu machen. Das
habe Mehdorn mehrmals offen verlauten lassen, so Wolf.

Im Detail kritisierte Wolf die Umwandlung der Bahnhöfe in
Supermärkte und Dienstleistungszentren. Dadurch würden sie
immer mehr zu Showrooms und Shopping-Malls statt zu
Begegnungsstätten. Da sei es kein Wunder, daß wenig
zahlungskräftige Passanten, sprich Obdachlose, dort nicht
mehr erwünscht sind. Deshalb besuchte Wolf im Anschluß an
die Pressekonferenz auch noch die Bahnhofsmission, um sich
für den Erhalt der Essenausgabe für Obdachlose einzusetzen,
die nach den Vorstellungen des Bahnchefs in seinem
Unternehmen künftig keinen Platz mehr haben soll.

Aber auch der Kunde ist durch die Bahnreform schlechter
gestellt, wie Wolf im Detail belegte. So würden ganze
Regionen besonders im ländlichen Bereich vom Bahnverkehr
abgekoppelt. Dafür werde auf Hochgeschwindigkeitszüge
gesetzt. »Die neuen Götter des Bahnmanagements sind die
Geschäftsreisenden, die Laptopper, die Handymen, die
First-Lounge-User und die City-Hopper«, übte sich Wolf arg in
Klischees. Besonders Spontanreisende müßten jetzt damit
rechnen, nicht nur mehr zu zahlen, sondern auch noch mit
einem Stehplatz Vorlieb nehmen zu müssen. Ein Unding im
Zeitalter der Flexibilität, monierte Wolf.

Auch der Service bei der Bahn würde immer mehr abgebaut, so
Wolf. Als Beispiel nannte er den geplanten Wegfall der
Speisewagen in den Zügen. Den Argumenten des
Bahnvorstands, dieser Service werde zuwenig genutzt, hielt
der Abgeordnete entgegen, daß es hier nicht in erster Linie um
die Frage der Kostendeckung, sondern um den Verlust einer
emotionalen Atmosphäre gehe.

Anschließend benannte der PDS-Verkehrsexperte die
Gegenvorschläge, die seine Partei in den nächsten Tagen im
Bundestag einbringen werde. Dazu gehören der Erhalt der
Bahnwerke, die behindertengerechte Umrüstung der
Wagenparks und die Verlagerung des innerdeutschen
Luftverkehrs auf die Bahn. Eine Ablehnung der Anträge durch
die Mehrheit des Bundestages sei allerdings jetzt schon klar.
Schließlich seien schon Anträge der PDS zur Bahnreform
abgelehnt worden, obwohl sie fast wortwörtlich von
Beschlüssen der Bezirksregierungen in Stuttgart und München
abgeschrieben worden seien.

* Die Broschüre »Die sieben Todsünden des Herrn M. - Eine
Bilanz der Verkehrs-Bahnpolitik mit sieben Hinweisen darauf,
weshalb diese in einer verkehrspolitischen Sackgasse mündet«
kann bestellt werden bei: PDS-Bundestagsfraktion, c/o Büro
Winfried Wolf, Platz der Republik, 11011 Berlin, oder per Email:
winfried.wolf@bundestag.de


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