30.07.2003 06:15
 
Themen
Termine
Bücher
 Zur Person
Links
Kontakt
Volltextsuche:

Differenzierte Suche
eMail-Abo
Abonnieren
Abbestellen

 
Ökonomie des Terrors
Datum: 13.09.2001
Typ des Textes: Artikel
Aus: junge Welt
mail Diesen Text per eMail verschicken ! | Druckversion | zurück

Weltwirtschaft vor dem Absturz (Teil 1). Von Winfried Wolf

Die Terroranschläge in Manhattan und Washington brachten nicht nur Gebäude zum Einsturz. Sie führten auch zu einem dramatischen Einsturz der Aktienkurse an denjenigen Weltbörsen, die nicht - wie die Wall Street - sofort geschlossen wurden. Die Attentate setzten nicht nur das Symbol für den weltweiten Kapitalismus, das World Trade Center, in Flammen. Sie drohen auch in einen Flächenbrand der weltweiten Ökonomie zu münden. Der herbeigeführte Flugzeugabsturz auf das Pentagon legte kurzzeitig Teile der US-amerikanischen Kriegsmaschinerie lahm. Gleichzeitig droht er, diese Kriegsmaschinerie zu kaum kontrollierbaren Gegenschlägen zu veranlassen und zu einer umfassenden, weltweiten Militarisierung der kapitalistischen Gesellschaft beizutragen.

Doch so schnell all dies - Börsenkrachs, Flächenbrand der Weltökonomie, Militärschläge und Militarisierung - nach diesen Anschlägen als Resultat dieser Terrorakte gebrandmarkt werden wird, so falsch ist diese Sichtweise. All diese drei Tendenzen sind seit geraumer Zeit angelegt in der kapitalistischen Gesellschaft und Ökonomie selbst. Die Anschläge in New York und Washington wirken als Beschleuniger dieser zerstörerischen und selbstzerstörerischen Entwicklungstendenz.

1929 - weit weg?

Die Proteste von Seattle, Nizza und Genua gegen eine »Ökonomie des Terrors« finden Tag für Tag Nahrung im Alltag des real existierenden Kapitalismus, vor allem aber in der sich entwickelnden Rezession und angesichts der Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise. Dabei hat sich im letzten halben Jahr das Bild der weltweiten Ökonomie radikal verändert. Anfang des Jahres 2001 gab es einige Krisenerscheinungen in den USA, den allseits bekannten Dauerpatienten Japan und eine noch recht proppere Ökonomie in Westeuropa. Damals erklärte der Präsident der Bank von Frankreich, Jean-Claude Trichet: »Ich gehe davon aus, daß das Wachstum in Europa beträchtlich sein und voraussichtlich über demjenigen in den USA liegen wird.«

Der deutsche Finanzminister Hans Eichel und sein französischer Kollege Laurent Fabius stellten zum gleichen Zeitpunkt in einer gemeinsamen Erklärung ähnlich großmäulig fest: »Die Grundlagen für ein fortgesetztes nachhaltiges Wachstum in der EU wurden gelegt.«

Doch seither kippte die Konjunktur in allen entscheidenden Sektoren der Weltwirtschaft ins Minus; ein Unterschied zwischen der ökonomischen Lage in den USA und derjenigen in Westeuropa ist kaum mehr festzustellen. Der französische »Le Figaro« titelte im September 2001 auf Seite 1: »Le Monde à la recherche de sa croissance perdue - »Die Welt auf der Suche nach dem verlorenen Wachstum.« Das ist eine vergleichsweise lyrische Umschreibung. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte zum gleichen Zeitpunkt ganz offen vor dem »Einbruch der gesamten Weltkonjunktur«. Die UN-Unterorganisation UNCTAD sprach von einem »stark erhöhten Risiko umfassender Finanzkrisen«.

Der Berliner Tagesspiegel erinnerte bereits im April auf Seite 1 unter der Überschrift »1929 - so weit weg und doch ganz nah« an die Weltwirtschaftskrise und untersuchte Parallelen und Unterschiede zwischen der aktuellen ökonomischen Situation und derjenigen vor 62 Jahren. Tatsächlich wurde an den führenden Börsenplätzen lange vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York, nämlich schon im April 2001, und erneut im August und September eine »psychologische Haltelinie« nach der anderen durchbrochen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veranlaßte dies dazu, die Zuflucht in der Kinderpsychologie zu suchen: »An den Aktienmärkten scheinen die Kurse keinen Boden mehr unter den Füßen zu finden ... Eine ganz besondere Herausforderung ist die derzeitige Lage für die jüngeren, von der Hausse geprägten Teilnehmer am Aktienmarkt. Ihnen dürfte es seit geraumer Zeit gehen wie Kindern: Sie haben das Gefühl, nur zu stolpern und hinzufallen, sammeln ihre Erfahrungen und lernen schließlich unter manchem Wehgeschrei das Laufen. Eltern kennen die damit verbundenen Herausforderungen. Die Absicherung gegen Unfallgefahren wird zum obersten Gebot. Selbst die Treppen zieren plötzlich Schutzgitter.«

Das Ärgerliche an diesem Vergleich ist nur: Solche Schutzgitter, die vor Abstürzen bewahren, gibt es zwar an real existierenden Treppen, offensichtlich nicht jedoch an den Treppen, die an den Weltbörsen den Weg zum Abgrund eröffnen: In den letzten Tagen vor dem Attentat fiel der Dax gleich mehrere Stufen herab unter die 5 000er Marke, der Dow Jones unter die 10 000er Marke, der Nikkei unter die 11 000er Marke, der Nemax unter die 1 000er Marke. Die »Volksaktie« der Deutschen Telekom gelangte gar am Treppenende an - bei dem ursprünglichen Ausgabewert von 15 Euro, mit dem die T-Aktie das Laufen - und dann das Abstürzen - gelernt hatte. Allerorten Treppen, allerorten Straucheln und Stürzen, allerorten Wehgeschrei: Doch man erkennt keine »Schutzgitter«.

Bittere Kritik dann nach den Attentaten am Börsenplatz Frankfurt/Main: »Warum wurde die Börse nicht geschlossen? Warum existieren hier nicht Schutzmechanismen, wie sie auch bei einem Börsenplatz Wall Street, wenn dieser offen geblieben wäre, wirksam geworden wären: Aussetzen des Handels in demjenigen Fall, daß der Aktienindex um mehr als fünf Prozent absacken sollte. Der deutsche Index Dax brach zeitweilig um mehr als zehn Prozent ein. Dem wiederum wird entgegnet: Was nutzen solche »Schutzgitter«, wenn nach verzögerter Eröffnung der Börsen die Kurse dennoch den Absturz verzögert vollziehen?

Was die aktuelle Lage der Weltökonomie so ernst macht, ist das Zusammenfallen von drei Krisenerscheinungen, die unter normalen Bedingungen bereits jede für sich die Weltwirtschaft erschüttern kann. Erstens erleben wir zum ersten Mal seit 25 Jahren eine Situation, bei der alle drei großen kapitalistischen Wirtschaftszentren sich in einer Rezession befinden: Nordamerika, Japan und Westeuropa. Zweitens hat die Krise der japanischen Wirtschaft inzwischen eine besondere Qualität erlangt. Hier geht es darum, daß die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt auf dem Weg in eine Depression ist. Drittens schließlich droht die Weltwirtschaft von einer neuen Krise in Schwellenländern, wie wir dies 1997/98 mit der Südostasien-Krise erlebt hatten, erschüttert zu werden. Argentinien und die Türkei stehen hier im Zentrum.

Angesichts dieser komplexen Situation veröffentlichte das führende US-amerikanische Wirtschaftsblatt Wall Street Journal im Juli einen Leitartikel unter der teilweise deutschen Überschrift: »Schadenfreude Economics - America's stumbles are not Europe's gains - Schadenfreude-Ökonomie - das Straucheln der USA bringt keine Gewinne für Europa.«

Rezession in den USA

Die führende Ökonomie der Weltwirtschaft befindet sich seit Ende 2000 in einer Rezession. Bis einschließlich Juli 2001 sank die industrielle Produktion bereits zehn Monate in Folge. Das Bruttoinlandsprodukt war über zwei Quartale hinweg negativ. Damit ging der längste Boom, den die US- Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte und der 1992 (nach der Rezession 1990/91) begonnen hatte, zu Ende.

Auch wenn die Länge dieses Aufschwungs von knapp einem Jahrzehnt für den gegenwärtigen Kapitalismus ungewöhnlich ist, bleibt zur Entmystifizierung dieses Booms festzuhalten: Erstens gab es auch früher ähnlich lange Boomphasen in den USA, so die neunjährige Konjunktur in der »Reagan-Ära«, als der Aufschwung 1982 begann und 1990 endete. Zweitens gab es überzeugende Erklärungen für die außergewöhnliche Länge dieser Phasen. Der jüngste, Ende 2000 beendete Boom beispielsweise wurde in erheblichem Maße durch die Ausweitung des Dienstleistungssektors und eine allgemeine Senkung der Lohnkosten befördert. Letzteres wiederum wurde mit der massiven Ausweitung von Billigjobs (»McJobs«) bei gleichzeitiger millionenfacher Zerstörung von traditionellen »Normalarbeitsverhältnissen« erreicht. Drittens wurden alle Gesundbeter des Kapitalismus, die in den neunziger Jahren unter Hinweis auf die USA und das »nachhaltige Wachstum« dort davon sprachen, es gäbe im Kapitalismus die Möglichkeit zu einem »verstetigten Wachstum«, erneut eines Besseren belehrt.

Bereits vor den Terroranschlägen sprachen viele Anzeichen dafür, daß die neue Krise der US-Ökonomie keine kurze, periphere Rezession sein würde. So sank die Auslastung der Kapazität in der gesamten US-Wirtschaft von 83 Prozent, die im Jahr 2000 noch erreicht wurden, auf 77 Prozent im Juli 2001. In Spitzenjahren wie 1988 und 1994 war eine Kapazitätsauslastung von 85 Prozent erreicht worden. Inzwischen ist demnach ein knappes Viertel der nominellen industriellen Kapazitäten nicht ausgelastet. Die Financial Times bilanzierte: »In keinem Monat seit August 1983 - gegen Ende der damaligen Rezession nach dem zweiten Ölpreisschock - hatte die Auslastung einen so tiefen Stand erreicht wie im Mai 2001.«

Seit Anfang 2001 sinkt auch die Produktivität der US- Ökonomie - hier gemessen als Produktion je geleisteter Arbeitsstunde; das ist das erste Mal seit dem Jahr 1995 der Fall. Auch die Erwerbslosigkeit steigt in den USA seit Frühjahr 2001 erneut an. Die offizielle Arbeitslosenquote lag im August 2001 bei 4,9 Prozent gegenüber 4,5 Prozent im Vormonat. Das ist der höchste Stand der offiziell registrierten US-Arbeitslosigkeit seit September 1997. Die Zahl der US-Amerikaner, die in Lohn und Brot stehen, fiel allein im Verlauf der vergangenen zwölf Monate um 700 000. Dabei muß beachtet werden, daß die US-Statistik für die Erwerbslosenquote noch wesentlich beschönigender wirkt als die EU- und die deutsche Arbeitslosen-Statistik. So zogen sich in den vergangenen Jahren viele Hunderttausende Menschen frustriert ganz vom Jobmarkt zurück - u.a. weil sie weder eine Chance auf einen Job sehen noch Anspruch auf eine Arbeitslosenunterstützung haben. Damit tauchen sie jedoch in keiner Statistik mehr auf.

Insgesamt zerstörte die Rezession in den USA in den vergangenen 13 Monaten mehr als eine Million industrieller Arbeitsplätze. Bis Frühsommer 2001 wurde das durch einen Anstieg der Jobs im Dienstleistungssektor und im Staatsbereich wettgemacht. Doch inzwischen hat der Beschäftigungsabbau den Dienstleistungssektor erreicht, so daß es zu einem allgemeinen Rückgang der Beschäftigung kam. Selbst in der »Zukunftsbranche« der Computerdienstleistungen sinkt inzwischen die Beschäftigtenzahl - und dies ist das erste Mal seit 1988 der Fall!

Der Entwicklung am US-amerikanischen Arbeitsmarkt kommt wirtschaftspsychologisch eine große Bedeutung zu: Der Jobrückgang und der Anstieg der Arbeitslosigkeit dürften den Konsum in den USA bremsen. Kommt es dazu - und die Anschläge in New York und Washington werden dazu beitragen - dann bricht die letzte Stütze der US- Konjunktur weg.

Die aktuelle Krise der US-Ökonomie ist keineswegs das Resultat eines puren Wirkens der »Marktkräfte«. Die US- amerikanischen Regierungen unter William Clinton und unter George Bush jun. haben einiges getan, um einen Marsch in die Krise zu verhindern. Sie wurden dabei unterstützt von der US-amerikanische Zentralbank FED unter ihrem Chef Alan Greenspan, von dem der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich sagt: »Greenspan hat den wirksamsten Griff in dieser Stadt Washington - seine Hand um die Eier des US-Präsidenten.«

Die gegenwärtige Rezession in der US-Wirtschaft findet statt - trotz eines massiven Gegensteuerns durch die Zentralbank FED, die seit den ersten Krisenerscheinungen sieben aufeinanderfolgende Zinssenkungen vornahm. Während der US-Zinssatz (»prime rate«) im vergangenen Boom immer deutlich (um bis zu 1,75 Prozentpunkten) über demjenigen der Europäischen Zentralbank (EZB) lag, unterschritt er ab dem 18. April 2001 erstmals das EZB-Niveau und lag Ende August 2001 um 0,75 Prozentpunkte unter ihm

- trotz massiver Steuersenkungen, die insbesondere die Unternehmen entlasteten;

- trotz einem erneuten Anstieg der Militärausgaben, insbesondere der Ausgaben für militärische Beschaffungen, was einem spezifischen »militärischen Keynesianismus«, einer kreditfinanzierten staatlichen Ausgabenpolitik zur Ankurbelung der Wirtschaft durch wachsende Militärausgaben entspricht;

- trotz einer deutlichen Ausweitung der Beschäftigung im staatlichen Sektor exakt in derjenigen Periode, in welcher in der Industrie und dann im Dienstleistungssektor massenhaft Jobs vernichtet wurden. So liegt die Zahl der beim Staat Beschäftigten Mitte 2001 um 150 000 über dem Vorjahresniveau.

All das bedeutet: Obgleich die Regierung Bush das pure Wirken der Marktkräfte ideologisch verklärt, verteidigt und globalisiert, hat gerade sie massiv gegengesteuert, um die Krisenerscheinungen abzumildern. Ohne diese »staatsinterventionistischen« Eingriffe wären die Auswirkungen der aktuellen US-Rezession noch deutlicher, als sie hier beschrieben wurden.

Fortgesetzte Krise in Japan

Die japanische Ökonomie galt bis Ende der achtziger Jahre als die dynamischste Wirtschaft im weltweiten Kapitalismus: Es gab keine Krisen, sondern nur Jahre mit niedrigeren Wachstumsraten und kurzen Rezessionen. In den neunziger Jahren begann eine neue Phase: Zunächst brachen die Börsenkurse und die Spekulation am Grundstücksmarkt ein. Dann kam es zum Ausverkauf von industriellen Perlen an die ausländische Konkurrenz: Mazda ging an Ford, Isuzu und Suzuki an General Motors, Nissan an Renault, Mitsubishi an DaimlerChrysler. Und schließlich kamen Rezessionen, Krisen und Stagnation.

In der Konsequenz war die gesamte Periode 1991 bis 2001 von Stagnation, Rezession und kurzen Aufschwungsperioden bestimmt. Als nach jüngsten Angaben bekannt wurde, daß die Bruttoinlandsentwicklung des zweiten Quartals 2001 um 3,2 Prozent gesunken war, war klar: Japan befindet sich erneut in einer Rezession. Rein statistisch gesehen handelt es sich bereits um die vierte Rezession binnen eines Jahrzehnts. Sieht man diese Entwicklung in dem skizzierten größeren Zusammenhang, dann läßt sich sagen: Nippons Wirtschaft erlebte in den neunziger Jahren ein Jahrzehnt von Rezession und Stagnation. Die kurzen »Aufschwünge« waren keine »natürlichen«, durch die »reinigenden« Kräfte der Krise bedingten. Diese wurden vielmehr durch eine extrem keynesianische Wirtschaftspolitik - eine Wirtschaftsstimulation auf Pump - herbeigeführt und blieben - trotz des gewaltigen finanziellen Aufwands und einer gigantisch gesteigerten Staatsverschuldung - erfolglos. So liegt die japanische Industrieproduktion im Sommer des Jahres 2001 unter dem Niveau, das 1995 erreicht wurde, und nur leicht über dem 1991er Niveau.

Die Erwerbslosigkeit in Japan erreichte in den Monaten Juli und August historische Höchststände. Allein von April bis August 2001 verloren 1,3 Millionen Japanerinnen und Japaner ihren Arbeitsplatz. Fünf Prozent offizielle Arbeitslosenquote - das gab es nicht seit den 50er Jahren. 1991 beispielsweise lag die Arbeitslosenquote noch bei zwei Prozent, und das galt damals bereits als hoch. Im übrigen gilt auch hier: Die reale Erwerbslosenquote liegt weit höher; sie dürfte nach EU-Maßstäben das Doppelte betragen.

Gleichzeitig steht die japanische Arbeitslosenversicherung vor der Pleite, was Teil der generell zerrütteten staatlichen Finanzen ist. So erhalten die japanischen Arbeitslosen im Jahr 2001 insgesamt nur Hilfen in Höhe von 60 Prozent dessen, was ihnen im vorausgegangenen Jahr gezahlt wurde.

Die Obdachlosigkeit im Land hat sich seit 1996 verdoppelt; allein in Nippons Hauptstadt kampieren Tausende Menschen nachts im Freien. Die Selbstmordrate ist massiv gestiegen; die wesentlichen Gründe für Suizide sind Streß in der Arbeit, Arbeitsplatzverlust oder die Angst davor. Die wichtigste Frage in Japan lautet nicht: Wann kommt der Aufschwung? Sie lautet: Gelingt es, den Absturz in eine Depression - in eine lang anhaltende Krise - zu verhindern? Der Aktiensturz in Tokio am Tag nach den Attentaten verstärkt diese Gefahr.

Auch im Fall Nippon läßt sich sagen: Die Entwicklung in Rezession und Krise ist keineswegs allein dem Wirken des »Marktes« und der Kapitalkräfte geschuldet. Die Regierungen in Tokio haben im vergangenen Jahrzehnt viel unternommen, um durch Eingriffe in die Ökonomie - insbesondere durch eine exzessive keynesianische Wirtschaftspolitik - den wirtschaftlichen Verfall zu stoppen. Das gilt auch für die neue Krise, in die Nippons Wirtschaft seit Frühjahr 2001 geraten ist. Zu ihr kam es

- trotz neuer Konjunkturprogramme, die im Jahr 2000 wirksam wurden,

- trotz einer faktischen Nullzins-Politik, die die japanische Zentralbank »Bank of Japan (BoJ)« seit vier Jahren verfolgt und trotz neuer finanzpolitischer Erleichterungen, welche die Bank im Frühjahr 2001 beschlossen hat,

- trotz einer neuen Regierung unter Koizumi, der erstmals seit vielen Jahren nicht nur die japanischen Konzerne und Banken, sondern auch die übergroße Mehrheit der Bevölkerung hinter sich weiß.

Der US-amerikanische und der japanische Kapitalismus sind damit jeder auf seine Art beispielhaft für die Perspektivlosigkeit dieser »Ökonomie des Terrors«: Im Fall der USA als »alter« kapitalistischer Macht wurde bewiesen, daß selbst ein langer Boom, der auf dem Rücken von Millionen Menschen mit Billigjobs erreicht wurde, in eine neue Krise mündet. Das Beispiel Japan belegt, daß auch eine enorm produktive kapitalistische Ökonomie letzten Endes von den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsweise eingeholt und von den erreichten hohen Treppenstufen herab in Rezession, Stagnation, Krise und womöglich bald in eine Depression geworfen wird.


zurück
 
Impressum