17.07.2004 16:03
 
Themen
Termine
Bücher
 Zur Person
Links
Kontakt
Volltextsuche:

Differenzierte Suche
eMail-Abo
Abonnieren
Abbestellen

 
Mythen der Globalisierung
Datum: 05.03.2001
Typ des Textes: Artikel
Aus: WSW
mail Diesen Text per eMail verschicken ! | Druckversion | zurück

Mythen der Globalisierung
Von Winfried Wolf

Wir leben in einer Welt, die von großen Konzernen und Banken kontrolliert wird. Die 200 größten Unternehmen der Welt kontrollierten in den 60er Jahren 17 Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes. Heute liegt der Anteil doppelt so hoch - bei rund 33 Prozent.

Einzelne Weltbranchen werden von immer weniger Unternehmen kontrolliert. Im Bankengeschäft sind es 20 Banken, die weltweit das Sagen haben. In der Autoindustrie sind es zehn Konzerne, die 80 Prozent des Weltmarktes kontrollieren. Im Ölgeschäft sind sechs Unternehmen verblieben, die den Markt unter sich aufteilen. Im Reifengeschäft haben wir drei maßgebliche Weltunternehmen. Im Bereich des Baus ziviler Flugzeuge sind nur noch zwei Unternehmen am Markt. Und im Bereich der Computer-Software dominiert bekanntlich ein Konzern.

All das wird zu Recht von den Globalisierungsgegnern kritisiert. Doch es gilt, ZWEI MYTHEN zu erkennen - Mythen, wie sie gerade in der linken Debatte und in unserem Widerstand - in Zürich, in Porto Alegre, in Seattle, Nizza oder Prag - präsent sind.

Mythos 1 lautet: Das Kapital ist global und weitgehend anonym. Das ist falsch. Zwar agiert das Kapital auf dem Weltmarkt und damit "global". Doch das Eigentum an diesen Konzernen ist durch und durch national und auf wenige große Nationalstaaten beschränkt. Von den 200 größten Konzernen der Welt zählten im Jahr 1999 allein 190 zu den USA, Japan, der EU und der Schweiz. Im Grunde verhält es sich so, wie vor hundert Jahren beschrieben. Damals sagte ein Boss: "Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents." Das war Walther Rathenau, Mitbegründer des Siemens-Konzerns. Der feine Unterschied: Anfang des 20. Jahrhunderts leiteten 300 Männer die Geschicke des europäischen Kontinents - und sie leiteten sie bekanntlich so, dass zwei Weltkriege aufeinander folgten. Anfang des 21. Jahrhunderts sind es 200 Männer, die die Geschicke der Welt leiten, von denen ebenfalls "jeder jeden kennt" - beispielsweise durch die Treffen in Davos.

Der Begriff "Globalisierung" eine Anonymität des Kapitals, die wir uns nicht einreden lassen sollten. Das Kapital konkret. Ist nah. Die Gästeliste in Davos ist zwar "vertraulich", doch das, was wir von ihr wissen, ist eindeutig: Die Konzern- und Bankbosse stammen zu 90 Prozent aus der Nafta, aus Japan und aus Westeuropa - eben aus den Zentralen, wo die Konzernmacht sitzt.

Als vor drei Jahren Daimler-Benz Chrysler übernahm, tauchte auch das Irrlicht "internationaler Konzern" auf. Damals konnte man bereits wissen, was heute offenkundig ist: Das Unternehmen ist nicht binational - es ist deutsch. Die Geschäftssprachen sind nicht einmal deutsch, sondern schwäbisch, badisch und "Denglisch" bzw. Schulenglisch. Die letztendliche Kontrolle liegt wiederum beim Großaktionär, der Deutschen Bank, der größten Bank der Welt, was wiederum ein eindeutig deutsches Institut ist. Und so "national", wie Daimler-Benz mit Chrysler umging, so ging der Konzern zuvor mit dem übernommenen Flugzughersteller Fokker um - er wurde ausgequetscht und zerschlagen. Dasselbe werden wir in den kommenden Jahren im Fall Mitsubishi und Hyundai erleben, die zwei Autokonzerne, nach denen DaimlerChrysler gerade die Krallen ausstreckt.

Che Guevara sagte einmal, es sei Aufgabe des Revolutionärs, die Revolution im eigenen Land zu machen. Man mag feststellen, daß es mit der Revolution nicht so weit her ist. Doch der erste Schritt, um überhaupt wirksam das Kapital bekämpfen zu können, besteht darin, den Feind im eigenen Land zu erkennen.

Der zweite Mythos beim Thema "Globalisierung" ist das Thema "US-Hegemonie" und das gepriesene Gegenmittel, die "europäische Integration". Es war kein Zufall, daß am 2. Mai 1999, mitten während des Nato-Krieges gegen Jugoslawien, in Köln die EU-Konferenz tagte und deren wesentlicher Tagesordnungspunkt lautete: Aufbau der WEU, einer eigenständigen EU-Armee. Zwar war dieser Krieg von den USA dominiert. Doch es war auch ein Krieg der EU. Die EU-Staaten mit Deutschland an der Spitze wollten in diesem Krieg als Juniorpartner der USA lernen, wie sie zukünftige Kriege selbständig und im EU-Interesse führen können - ohne die Nato und gegebenenfalls im Widerspruch zu den USA.

Es ist zweifellos nicht angenehm, in einer "unipolaren Welt", bestimmt von der US-Militärmaschinerie zu leben. Doch eine "bipolare Welt", in der USA und EU herrschen, ist in keiner Weise ein Fortschritt. Wenn die USA, wie Noam Chomsky sagte, heute wie eine Mafia-Gang die Welt beherrschen, dann ist es kein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn sich eine zweite Mafia-Bande zur ersten gesellt, wenn sich beide bekämpfen und beide den "Rest der Welt" als ausbeutbares Material betrachten.

Das britisch-niederländische Unternehmen Royal Dutch Shell verhält sich in Nigeria und gegenüber der Ogoni-Bevölkerung ebenso mörderisch wie die US-Gesellschaft United Fruit in Guatemala. Daimler-Benz hat zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur ebenso mit den Folterknechten kollaboriert wie der US-Konzern ITT zur selben Zeit mit den chilenischen Todeskommandos. Im Kosovo und in Montenegro wird nicht der Dollar, sondern wurde die DM eingeführt. Es sind nicht die USA, die die Schweiz dazu zwingen, immer größere und schwere LKW-Flotten der EU-Staaten durchs Land brettern zu lassen. Diese Erpresserpolitik wird durch die EU-Kommission ausgeübt. Und es war der Schweizer Konzern Nestlé, der Müttern in der Dritten Welt einredete, ihre Babys nicht zu stillen und damit um des puren Profits willen verantwortlich ist für den Tod vieler Babys.

Unsere Alternative kann also nicht lauten: Europäische Integration als Antwort auf die unipolare Welt. Wir dürfen die Kritik an der EU, an den EU-Konzernen und deren vergleichbar verbrecherischer Politik nicht verschweigen. Die Konzentration auf die "US-Hegemonie" lenkt zumindest in Europa ab von unseren Gegnern hier vor Ort.

Wer die aktuelle kapitalistische Weltwirtschaft richtigerweise als verantwortlich für Hunger, Elend, Massenerwerbslosigkeit sieht, der muß sie auch als Ganzes analysieren, erkennen und bekämpfen. Die Plakate von "attac" postulieren: "Un autre monde est possible". Richtig - eine andere, eine sozialistische und solidarische Welt ist möglich. Das Prozentzeichen auf den attac-Plakaten, sollten wir nicht, wie meist erfolgt, interpretieren als eine Forderung nach ein oder drei Prozent Tobin-Steuer auf Finanzspekulationen. Erfreulicherweise steht auf den Plakaten ja keine Zahl.

Wir sollten statt dessen fordern: 100 Prozent. Diese Welt muß unsere Welt werden - zu 100 Prozent. Und sie kann nur die unsere sein, wenn das Kapital als Ganzes bekämpft wird.

Diesen Beitrag hielt MdB W. Wolf auf der Plenums-Veranstaltung des Gegenforums "Das andere Davos" in Zürich am 27. Januar 2001.


zurück
 
Impressum