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Small was beautiful-Die Erfolgskriterien haben sich verändert
Datum: 30.03.2000
Typ des Textes: Artikel
Aus: SoZ - Sozialistische Zeitung
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Bis in die 80er Jahre hinein galt in der Wirtschaftstheorie die Losung" ‘Small is beautiful.‘Größe brachte es nicht allein; General Motors galt als ein schwerfälliger und wenig profitabler Riese. ‘Elephants don‘t gallop‘, hieß das im Wirtschaftsenglisch: Großkonzerne wären unflexibel. Das ließ sich auch wissenschaftlich belegen. In Großbritannien betrug das Wachstum der Dividendenzahlungen im Sektor der kleinen Kapitalgesellschaften im Zeitraum 1955 bis 1988 jährlich 3,3% gegenüber 1,5% im Bereich der großen Konzerne. Das habe sich, so die britische Ausgabe der Financial Times, "radikal verändert". Denn: "Seit 1989 beträgt die reale Wachstumsrate der Dividendenzahlungen kleiner Gesellschaften 0,9% vergleichen mit 4,2% Wachstum, die diesbezüglich von den großen Kapitalgruppen erzielt werden."1
Im großen und ganzen dürfte das auch für die westdeutsche Ökonomie zugetroffen haben. BMW war profitabler als Daimler - wobei BMW derzeit als Übernahmekandidat gilt. Nixdorf galt als shooting star im Vergleich zur lahmen Ente Siemens - bis das letztgenannte Unternehmen das erstere übernahm. Grundig erschien lange Zeit wesentlich flexibler als ein Koloss wie Philips zu sein - bis Philips sich Grundig einverleibte.
Spätestens seit den 90er Jahren hat sich weltweit erneut - wie dies auch vor dem Zweiten Weltkrieg der Fall war - Größe als der entscheidende Maßstab für Wirtschaftsmacht und zunehmend auch für Profitabilität herausgestellt. Die Gründe für diese Veränderung - besser: für diese Rückkehr zur kapitalistischen Normalität - sind im Wesentlichen die folgenden:
(1) Die Nachkriegszeit war in vieler Hinsicht eine Sonderperiode. Es gab überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten. Die Konkurrenz war noch nicht wieder allzu heftig entwickelt. Große Unternehmen - aber auch die weltgrößte Nationalökonomie der USA - dümpelten gewissermaßen in Selbstgenügsamkeit vor sich hin. Dies brachte gute Chancen für Neugründungen, für junges Kapital und für eine hohe Profitabilität desselben mit sich.
(2) Ab den 80er Jahren verschärfte sich die Konkurrenz. Unter anderem bedeutete der Aufstieg des japanischen Kapitals eine enorme Herausforderung für die Konkurrenz in den USA und in Westeuropa. Es kam in den "traditionellen" großen Konzernen zu einem massiven Rationalisierungs- und Umstrukturierungsprozess - u.a. indem die Produktionsmethoden des aggressiven jungen japanischen Kapitals ("lean production", "just in time", "team work") aufgegriffen und adaptiert wurden. Bald waren die alten Industriegiganten völlig neu strukturiert oder sie wurden übernommen und zerschlagen (AEG). Während Ford in den 70er Jahren noch als "lame duck" - als lahme Ente - galt, mauserte sich der Autoriese über die Verjüngungskur von Joint Ventures mit einem japanischen Hersteller und neuen Werken mit japanischen Ausbeutungsmethoden zu dem profitabelsten Großunternehmen.2
(3) Auf der stofflichen - "gebrauchswertmäßigen" - Seite der Produktion gab es ebenfalls wichtige Veränderungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum Niedergang einiger alter Industrien (Kohle, Stahl), in denen oft auch die großen Industriegiganten engagiert waren. Die entscheidende neue Industrie der Elektronik war noch eine junge. Der Niedergang traf also vor allem große traditionelle Konzerne (z.B. Krupp; US Steel), sofern diese sich nicht rechtzeitig eine andere Basis verschafften (z.B. Mannesmann). Umgekehrt bot die Sparte Elektronik jungem Kapital große Chancen, da es hier zunächst vor allem auf Kreativität und Risikobereitschaft und weniger auf preiswerte Massenfertigung ankam. Doch auch hier zeichnete sich seit den 80er Jahren und mit dem Aufstieg dieser Banche zur viertgrößten eine Wende ab. Ein großer Teil der Elektronik-Industrie ist auf eine "economy of scale" angewiesen: Eine Massenfertigung von PCs, von Halbleiterplatten, von Handys usw. bringt gewaltige Kostenvorteile; für Sonderfertigungen in "Nischen" bietet sich kaum mehr Raum. Dies gilt erst recht für die weltweit immer noch mächtigste Industriebranche, die Autoindustie, bei der frühere "Spezialisten", die z.B. vor allem teure Autos herstellten (z.B. Daimler-Benz) ihr Programm längst "nach unten" ausbauten.
(4) Schließlich veränderte sich die Weltwirtschaft mit dem Datum 1989/90 insofern dramatisch, als ein gewaltiger Sektor, der sich bisher dem privatkapitalistischen Zugriff entzogen hatte, implodierte und Teil der "one world", des Kapitalismus wurde. Im Westen erscheint jetzt jeder Gedanke an eine Abmilderung der rohen Wirkungsweise der kapitalistischen Kräfte als Luxus. Die innerkapitalistische Konkurrenz verschärfte sich enorm; kartellrechtliche Bedenken wurden weggefegt. Noch vor einem Jahrzehnt wurde die Übernahme des Rüstungunternehmens MBB durch die Daimler- Benz AG vom bundesdeutschen Kartellamt abgelehnt und diese erst durch eine "Ministergenehmigung" ermöglicht. 1999 hingegen ging die weit größere Fusion zwischen der Daimler-Rüstungstochter Dasa mit der französischen Gruppe Aerospatiale-Matra glatt über die Bühne; weder die deutsche, noch die EU-Kartellbehörde beanstandete die Bildung dieses Rüstungskolosses.
Mit dem Jahr 1990 ist nicht ein "Ende der Geschichte" eingetreten. Wir erleben vielmehr die Wiederkehr des ordinären, nicht mehr kaschierten Kapitalismus. Dies trifft gerade auch in Bezug auf die Konzentationsprozesse des Kapitals und die Vorherrschaft der Größten zu.

Kein Ende der Geschichte

"Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des (europäischen) Kontinents. Es handelt sich … um die zweite Generation der Erwerbenden und Leitenden." Das waren die Worte des deutschen Industriellen Walther Rathenau im Jahr 1909.3
Inzwischen lässt sich vergleichbares für die Weltwirtschaft feststellen. 200 große "transnationale" Konzerne kontrollieren heute rund ein Drittel des Welthandels. Sie haben ihr Gewicht auf dem Weltmarkt seit Mitte der 60er Jahre schlicht verdoppelt. Geografisch konzentieren sich diese 200 Größten auf nur neun Länder: 62 haben ihren Sitz in Japan, 53 in den USA, 23 in der BRD, 19 in Frankreich, 11 in Großbritannien, 8 in der Schweiz, 6 in Südkorea, 5 in Italien und 4 in den Niederlanden. Diese Struktur besagt: Die 200 mächtigsten Konzerne repräsentieren die alten Kolonialmächte bzw. die heute wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. In diesen Ländern leben jedoch nur 10% der Weltbevölkerung.
F.F.Clairmont betonte dazu in Le Monde Diplomatique: "Die Kapitalkonzentration ist in Wirklichkeit noch viel extremer … denn nicht alle der 200 Größten sind autonome Unternehmen, wie die Beispiele Mitsubishi, Sumitomo oder Mitsui zeigen. Unter den 200 Größten befinden sich fünf Mitsubishi-Unternehmen, deren Gesamtumsatz 320 Milliarden Dollar übersteigt. Diese fünf Firmen besitzen zwar ein hohes Maß an Autonomie, sind aber … eng verzahnt. Das gleiche gilt für ihre Vernetzung in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Industriespionage. Ihr politischer Arm ist die Liberaldemokatische Partei, deren Organisationskosten zu 37% vom Mitsubishi-Imperium finanziert werden."4
Im Zeitraum 1985 bis 1995 wuchs die Zahl der Firmenzusammenschlüsse jährlich um 15%. Seit Mitte der 90er Jahre wurde er nochmals beschleunigt. Im Jahr 1999 lag der Börsenwert der in Europa fusionierten und aufgekauften Gesellschaften erstmals über demjenigen in den USA. Dazu kam es nicht, weil die Fusionitis in den USA wesentlich nachgelassen hätte. Vielmehr explodiert inzwischen der Prozess der Kapitalzentralisation vor allem in Europa.5 Während es hier 1994 "nur" 103 Großfusionen gab, waren es 1997 152 und 1998 248.6
Inzwischen werden einzelne internationale Branchen von wenigen Konzernen dominiert. Im Bereich der Autoindustrie kontrollieren derzeit zehn Konzerne 95% der Weltproduktion. Es handelt sich um die Unternehmen General Motors (u.a. mit Opel und Saab), Ford (u.a. mit Volvo und Mazda), DaimlerChrysler (u.a. mit Mercedes, Chrysler und einem Kontrollanteil bei Mitsubishi), Toyota (u.a. mi Daihatsu), VW (u.a. mit Seat, Skoda, Audi, Renault (u.a. mit Nissan und Fuji Heavy/Subaru), Honda, PSA (Citroen und Peugeot), BMW (bis vor kurzem mit Rover), Fiat (u.a. mit Lancia und Alfa) und Hyundai (u.a. mit Kia und Ssamsung).

Alles ist käuflich

Dabei zeichnet sich mit dem Einstieg von General Motors bei Fiat und mit den Übernahmegerüchten um BMW bereits die nächste Konzentrationswelle ab, an deren Ende sich sechs Konzerne den Kuchen auffteilen werden.
Im Bereich der Ölförderung und -verarbeitung nimmt ein halbes dutzend Unternehmen dieselbe Position ein. Es handelt sich um Exxon/Mobil, Royal Dutch Shell, British Petroleum/Amoco mit Atlantic Richfield , Elf Aquitaine, Total mit Petrofina und Texaco.
Im Bereich der Flugzeugindustrie sind es bereits nur noch zwei Unternehmen, die 95% des Weltmarkts unter sich aufteilten: Boeing (mit McDonald Douglas) und Airbus. Und im Bereich der entscheidenden Computersoftware kontrolliert Microsoft (verbunden mit Apple) bis zu 90% dieser Branche.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass das Unternehmen von Bill Gates das an der Börse am höchsten dotierte ist, obwohl Microsoft nach dem Umsatz nicht einmal zu den 100 größten Unternehmen der Welt zählt.
Die vorläufige Bilanz der Fusionitis lautet: Alles ist käuflich - jedes Unternehmen kann übernommen werden. Spätestens nach der erfolgreichen Übernahme von Mannesmann durch Vodafone-Airtouch gilt die Erkenntnis, dass es nur eine Frage des Preises, des eingesetzten Kapitals ist, ob ein Unternehmen "unabhängig" bleibt oder zur Beute wird.
1998 betrug in Europa das Gesamtvolumen der feindlichen Übernahme-"Angebote" "nur" 13,6 Milliarden US-Dollar. 1999 lag dieser Wert bei 803 Mrd. US-Dollar. Rund 40% der versuchten feindlichen Übernahmen erwiesen sich als erfolgreich.

Kapitalistische Tendenz ohne Rationalität

Im Trend des Kapitals zu immer größeren Einheiten kommt eine innerkapitalistische Tendenz, aber keinerlei volkswirtschaftliche oder gesamtgesellschaftliche Rationalität zum Ausdruck. Die Übernahmeschlachten erweisen sich in einem dreifachem Sinn als zerstörerische Unternehmungen.
Erstens werden für sie riesige Summen an Provisionen, Makler- und Bankgebühren aufgebracht - im Fall der Übernahme von Mannesmann/Vodafone lag allein der Betrag, der für die Werbekampagne und die "Beratung" ausgegeben wurde, bei mehr als 2 Milliarden Mark. Der Mannesmann Vorstandsvorsitzende Esser erhält nach dem Deal 60 Millionen Mark. Wofür? Weil "sein" Unternehmen vom dem gegnerischen übernommen wurde.
All das sind "faux frais", tote Kosten, wie die Gebühren, die eine Bank beim Umtausch von einer Währung in eine andere verlangt. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie beim Währungsumtausch vom umtauschenden Konsumenten bezahlt werden. Im Fall der Fusionitis werden diese Kosten auf die Belegschaft bzw. auf die Gesellschaft - über höhere Preise oder niedrigere Löhne und Gehälter - "umgelegt".
Zweitens zahlt die übernehmende Gesellschaft fast immer einen weit größeren Preis als den marktüblichen. Im Fall der Mannesmann-Übernahme bspw. zahlte Vodafone eine Prämie von durchschnittlich 123% auf den Aktienkurs: Sie bot den Aktionären mehr als das Doppelte des gegebenen Aktienkurses, womit der Erfolg von Vodafonenicht mehr so überraschend erscheint.
Drittens sinkt mit der Übernahme der Aktienkurs des übernehmenden Unternehmens - in der Regel um 20%.
Viertens schließlich werden nach den Übernahmen oder Fusionen zwischen 10 und 30% der Arbeitsplätze vernichtet, was nur teilweise ein "natürlicher" Rationalisierungseffekt ist, teilweise den bereits beschriebenen Kosten der Fusionitis zuzuschreiben ist. Denn irgendwer muss diese gigantischen Summen wieder "hereinarbeiten". Geld arbeitet nicht. Aber es lässt arbeiten - real existierende Menschen, die nach den Übernahmen und Fusionen meist mehr und oft für weniger Lohn und Gehalt zu malochen haben.9
Dass die neu entstandenen Kolosse und Giganten "produktiver" wären als die zuvor "unabhängigen" Einzelunternehmen, kann mit Fug und Recht bestritten werden. Zum einen bewegen sich diese inzwischen meist in einem fast monopolisierten oder kartellierten Raum. Zum anderen ist natürlich auch etwas dran an der Aussage aus den 70er Jahren: ‘Elephants don‘t gallop.‘
Diese schwerfälligen Unternehmen mit ihrem selbstgefälligen Management leisteten sich mitunter Fehlentscheidungen von einer Qualität, wie sie in den bürokratisierten Planwirtschaften des Warschauer Pakts selten waren. Und tatsächlich ähneln manche Strukturen im aktuellen Kapitalismus der Fusionitis und des CasinoCapitals denen dieser bürokratisierten Planwirtschaften: Sie sind extrem hierarchisch. Meist sind sie auf eine einzelne Person - im Fall Mannesmann auf Esser, im Fall Vodafone auf Gent, im Fall DaimlerChrysler auf Schrempp - zugeschnitten und es ist dann meist diese Person allein, die letzten Endes Entscheidungen trifft - über das Wohl und Wehe des Konzerns und oft über hunderttausend Arbeitsplätze.
Dies widerspricht nicht nur einer allgemeinen menschlichen Erkenntnis, wonach im gesellschaftlichen Leben auf Dauer nur kollektive und demokratische Debatten brauchbare Entschlüsse zeitigen können. Das widerspricht nicht nur dem eigenen Credo dieser Konzerne und der modernen kapitalistischen Gesellschaft, wonach es auf "team work" und auf "Gruppenarbeit" ankommen würde. Dies widerspricht vor allem dem selbsterklärten demokratischen Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft.
Offensichtlich gilt nicht nur der banale Satz des ehemaligen Wirtschaftsministers Rexrodt, wonach "Wirtschaft in der Wirtschaft stattfindet", das heißt, die Demokratie vor den Toren der Unternehmen ausgeschlossen ist. Im Unternehmen und im Management selbst herrscht eine Autokratie und existiert eine Hierarchie wie zu Zeiten des unaufgeklärten Absolutismus.

Winfried Wolf

Anmerkungen
1. Financial Times, 17.1.1998.
2. Ford hatte 1998 einen Umsatz von 144 Mrd. US-Dollar; nur unwesentlich weniger als General Motors und DaimlerChrysler (beide 154). Während GM jedoch nur 2,8 Mrd. Dollar Gewinn nach Steuern (Umsatzrendite: 1,8%) und DaimlerChrysler 3,8 Mrd. Dollar (3,8%) auswies, fuhr Ford 21,6 Mrd. Dollar Gewinn ein und brachte es auf eine Uumsatzrenditee von 15%. (FAZ, 6.7.1999.)
3. Neue Freie Presse, Dezember 1909, zitiert in Le Monde Diplomatique, April 1997 (deutsche Ausgabe).
4. Le Monde Diplomatique, April 1997, deutsche Ausgabe.
5. Nach der klassischen Unterscheidung, wie sie z.B. Karl Marx im Kapital, Bd.III, vornimmt, wird unter "Kapitalkonzentration" der Prozess verstanden, wenn einzelne Kapitale durch das eigene Wachstum - die Akkumulation - größer werden. Der Zusammenschluss von Unternehmen bzw. die Übernahme eines schwächeren durch ein stärkeres Unternehmen wird als Kapitalzentralisation bezeichnet.
6. Financial Times, deutsche Ausgabe, 8.3.00.
7. Süddeutsche Zeitung, 27.12.2000.
8. Zusammenstellung vor allem nach: Le Monde, 30.3.1999; Los Angeles Times, 8.8.1999, und Süddeutsche Zeitung, 27.12.1999.
9. Financial Times, deutsche Ausgabe, 6.3.00.



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