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Fusionitis: Gier nach Größe-
Datum: 30.03.2000
Typ des Textes: Artikel
Aus: Transnational oder neonational?
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Gestern wurde Mannesmann von Vodaphone Airtouch übernommen - es war die größte Übernahme in der deutschen Fusionsgeschichte. Mannesmann galt als extrem kapitalkräftig und "eigentlich" nicht durch Übernahmen gefährdet. Heute überraschte die Übernahme der Dresdner Bank durch die Deutsche Bank. Das größte deutsche Finanzinstitut katapultierte sich durch die Übernahme der Nummer drei an die Spitze der internationalen Finanzwelt und landete dort vorläufig ebenfalls auf Platz 3. Nach der Bilanzsumme war die Deutsche Bank jedoch bereits vor der Übernahme die größte Bank der Welt. Morgen soll die DaimlerChrysler AG bei dem drittgrößten japanischen Autobauer, der Mitsubishi Motors Corp., Mehrheitsaktionär werden und damit zum drittgrößten Autohersteller der Welt aufsteigen. Der umsatzstärkste Industriekonzern war DaimlerChrysler bereits vor dem Einstieg bei dem japanischen Konzern.
Aufschlussreich sind die Vergleiche der neuen Maßstäbe mit denen von gestern. Vor nur zwei Jahren wurde die Übernahme von Chrysler durch die Daimler-Benz AG als Höhepunkt des Fusionsfiebers geschildert. Vor einem Jahr galt die Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank als der größte Finanzcoup, den eine deutsche Bank je tätigte. Und vor nur einem halben Jahr übernahm Mannesmann den drittgrößten britischen Mobilfunk-Betreiber Orange und wurde damit die Nummer eins in Europa. Welche Dimensionen werden vor diesem Hintergrund die Fusionen von übermorgen annehmen?
Und das Fusionsfieber scheint in Europa und in der Bundesrepublik Deutschland erst begonnen zu haben. 1999 war das erste Jahr, in dem diese Fusionitis in Europa größere Kapitalmassen bewegte als in den USA. Das vorläufige Ende - die Existenz von Monopolen in einzelnen Branchen - zeichnet sich bereits ab. Von Vernunft redet bei diesen Prozessen keiner; von wachsender Irrationalität dagegen viele. Und alle sprechen sie davon, dieser gewaltige Prozess der Kapitalkonzentration sei "unvermeidlich".
Doch welche Gefahren verbergen sich hinter einem Prozess, bei dem die Irrationalität zur Unvermeidlichkeit erklärt wird? In welchem Maß werden durch diese Fusionen die Kurse in die Höhe getrieben, wird die Börsen-Blase weiter aufgebläht, naht der Tag, an dem diese Blase platzt und eine gewaltige Entwertung dieses beinahe "virtuellen Kapitals" unabsehbare wirtschaftliche und politische Folgen zeitigt? Inwieweit steigert das Kapital mit diesem gigantischen Zentralisationsprozess nicht nur den weltweiten Ausbeutungsprozess, inwieweit wird die Monopolisierung der Ökonomie zugleich zur Blockierung von Innovation und Entwicklung? Karl Marx fand dazu in Band I des Kapital vor 150 Jahren Worte, die mit Blick auf die aktuelle Fusionitis geradezu prophetisch klingen: "Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit der Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich … die planmäßige Ausbeutung der Erde … die Verschlingung ganzer Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten wächst die Masse des Elends … der Entartung der Ausbeutung … Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm ausgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die kapitalistische Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle."
Die übergroße Mehrheit der Ökonomen behauptet, die "Globalisierung" laufe auf eine Machtübernahme der "transnationalen Konzerne" hinaus. Das scheint gerade durch die skizzierte Fusionitis eine Bestätigung zu erfahren. Doch sei die Frage gestattet: Sind diese neuen Konzerne wirklich "transnational"? Oder genauer: In welchem Sinne sind sie derart "transnational" - die nationalen Grenzen überschreitend - und inwiefern bleiben sie "national"?
Transnational sind die neuen Großkonzerne nur hinsichtlich ihrer Operationen, die ohne Zweifel transnational stattfinden. Mehr noch: der Weltmarkt und der liberalisierte Welthandel sind das einzige "Milieu", in dem sich diese Giganten bewegen und Profite akkumulieren können. Doch in Wirklichkeit blieben gerade die "transnationalen Konzerne" hinsichtlich ihrer Eigentümerstruktur "national". Genauer: 98% der neuen Riesen haben die Mehrheit des Aktienkapitals in einem großen Nationalstaat, in der Regel in einem G7-Staat. Es sind sogar gerade die großen Prozesse der Kapitalkonzentration, die diesen "nationalen" Charakter der Großkonzerne bestätigen. Damit steht nicht die Übernahme der Weltmacht durch große Banken und Konzerne ins Haus - was auch schlimm sein kann und was hinter dem gescheiterten Projekt "Multilateral Agreement on Investment" (MAI), einem internationlen Investitionsschutzabkommen, hervorschien. Vielmehr droht eine kombinierte Entwicklung: Einerseits werden die Konzerne und Banken immer größer und "unempfindlicher" gegenüber jeder Art von gesellschaftlichem und politischem Einfluss. Andererseits verleihen sie mit ihren Stärke den jeweiligen Nationalstaaten bzw. den jeweiligen Wirtschaftsblöcken NAFTA, Japan und EU wachsende Macht. Die Nationalstaaten bzw. diese drei Blöcke werden allerdings weitgehend von den Großkonzernen und Banken beherrscht; sie sind Instrumente im Kampf um Weltmarktanteile und Weltmacht. Damit erlebt die Welt eine Wiedergeburt des höchst ordinären Kapitalismus - genauer: dessen Züge werden mit dem augenblicklichen Fusionsfieber verdeutlicht - der Konkurrenzkampf der Konzerne um Weltmarkt und Weltmacht wird mit den Nationalstaaten und durch die Blöcke konzentriert und fokussiert. Er fördert Rüstung, Militarisierung und Krieg - Tendenzen, die in erster Linie über die Nationalstaaten und über die Blöcke "vermittelt" und organisiert werden. Es ist daher nur logisch, wenn ein wesentlicher Bestandteil des aktuellen Fusionsfieber die Herausbildung von immer mächtigeren "militärisch-industriellen Komplexen" ist.
Rassismus, Militarisierung und neue faschistische Gefahren stehen damit zumindest in einem mittelbarem Zusammenhang mit den aktuellen Prozessen der Kapitalkonzentration.


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